KI und Robotik: Uns gehen nicht die Jobs aus, sondern die Hände
Warum KI keine Bedrohung ist, sondern eine Versicherung, und warum Europa trotzdem aufpassen muss, wem es diese Versicherung abkauft.
Es gibt einen Satz, den ich in diesem Jahr öfter gehört habe als jeden anderen: KI killt Jobs. Er fällt am Stammtisch, in Leitartikeln und gelegentlich auch auf Podien, wo man es besser wissen könnte. Ich habe zwei Tage in einer Arbeitsgruppe der ÖGNI verbracht, die sich mit KI und Robotik beschäftigt hat, und bin mit der gegenteiligen Überzeugung herausgekommen: Der Satz ist nicht nur zu einfach, er schaut in die falsche Richtung.
Beginnen wir mit der Arithmetik, die niemand gern ausspricht. Immer mehr Menschen, die nicht mehr arbeiten, stehen immer weniger gegenüber, die arbeiten. Die Pensionen, die Pflege und das Gesundheitswesen müssen trotzdem bezahlt werden, und zwar von derselben schrumpfenden Gruppe. Wer in dieser Lage behauptet, es gebe bald zu wenig Arbeit für alle, hat das Problem von der falschen Seite angeschaut. Uns fehlen nicht die Jobs, uns fehlen die Hände. Das Wort dafür kennen wir alle: Fachkräftemangel. Unsere erste These lautet deshalb: KI und Robotik sind keine Bedrohung für unseren Wohlstand, sie sind eine Versicherung.
Dazu kommt, dass es Arbeit gibt, die kaum jemand gern macht. Schwer heben, in der Hitze stehen, am Fließband tausendmal dasselbe tun, auf dem Gerüst arbeiten: Dafür findet sich schon heute kaum jemand, und das hat Gründe. Wenn Maschinen diese Aufgaben übernehmen, verlieren Menschen nichts, was sie vermissen würden. Sie gewinnen Gesundheit und bessere Arbeitsbedingungen.
Jetzt kommt das Aber, und es ist ein ernstes. Eine Versicherung ist nur dann etwas wert, wenn man sie selbst abschließt und nicht bloß mietet. Die Sorge ist berechtigt, dass die Gewinne bei wenigen landen und sich Wertschöpfung und Kontrolle bei einer Handvoll globaler KI-Anbieter bündeln. Das gilt es zu vermeiden, und die Arbeitsgruppe hat dafür drei Forderungen formuliert, die man nicht jedem Lobbyisten gefallen wird. Menschliche Arbeit soll von Lohnabgaben befreit werden, denn wer Menschen beschäftigt, darf nicht im Nachteil sein. Gefördert werden soll dort, wo Mensch und Maschine gemeinsam mehr leisten als jeder allein. Und eine Zunft für KI und Robotik soll regeln, wer was am besten kann, und dafür sorgen, dass Unternehmen weiterhin junge Menschen einstellen und ausbilden. Ja, Zunft. Das Wort klingt nach Mittelalter, aber ein Gewerbe, das sich um den eigenen Nachwuchs kümmert, ist kein schlechtes Modell für eine Branche, die gerade alles neu erfindet.
Die zweite These dreht die gängige Sorge um. Je mehr KI und Robotik leisten, desto mehr werden menschliche Beziehungen zum Wettbewerbsvorteil für Unternehmen, die heute schon an morgen denken. Wer einem Menschen eine schwierige Diagnose erklärt, einem Paar die Finanzierung seines Lebenstraums durchrechnet oder einen alten Menschen pflegt, liefert keine Information, sondern ein Gegenüber. Dasselbe gilt im Inneren der Unternehmen: Identifikation, Zusammenhalt und Haltung entstehen zwischen Menschen und gelingen nicht mit KI und Robotik. Wir machen uns dabei nichts vor. In vielen Branchen entscheidet der Preis, und manche Unternehmen brauchen schlicht keine menschliche Interaktion. Wie viel Mensch wir uns leisten wollen, ist deshalb auch eine Wertefrage. Unsere Forderung dazu ist unbequem, weil sie keine Ausrede lässt: KI ist ein Werkzeug, das immer leistungsfähiger und spezifischer wird. Wir müssen lernen, damit sinnvoll umzugehen und Verantwortung zu übernehmen. Es wird nicht die KI den Job ersetzen, sondern ein Mensch, der gut mit KI umgehen kann.
Die dritte These ist die, die mir am wichtigsten ist: Erst verstehen, dann automatisieren. Nur wer die Zusammenhänge versteht, kann KI und Robotik sinnvoll einsetzen und Verantwortung tragen. Ein Hammer weiß nicht, ob er ein Haus baut oder eines einreißt, und er sagt es einem auch nicht. Dabei liegt ein Problem, das gern übersehen wird. Wenn genau jene Aufgaben wegautomatisiert werden, an denen man früher sein Handwerk gelernt hat, wird der Berufseinstieg schwerer. Auch junge Menschen müssen die Möglichkeit haben, echte Expertise aufzubauen. Das Gegenargument kenne ich gut: Maximale Automatisierung bei möglichst wenig Regulierung beschleunige die Entwicklung. Das ist nicht dumm. Aber Geschwindigkeit allein ist kein Ziel, wenn dabei die Werte auf der Strecke bleiben, um derentwillen wir das alles tun.
Die Forderung dazu ist die radikalste der drei: Aus- und Weiterbildung müssen neu gedacht werden, und die Ressourcen, die KI und Robotik freisetzen, gehören sinnvoll investiert, eben in Bildung. Nicht mehr auswendig lernen, sondern verstehen. Und vor allem unser menschenzentriertes Weltbild bewahren.
Das ist der Gedanke, der hinter allen drei Thesen steht. Europa wird bei KI und Robotik nicht automatisch unabhängig bleiben, nur weil es das gern wäre. Es bleibt es nur, wenn es die Technik versteht, mitgestaltet und dabei den Menschen im Mittelpunkt behält. Das setzt voraus, dass wir lernen, und zwar ein Leben lang.