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Wollen wir mit KI nur effizienter arbeiten – oder besser?

Es geht nicht darum, Menschen durch KI zu ersetzen, sondern sie endlich zu entlasten – und damit das Berufsbild der Immobilienverwalter wieder attraktiver zu machen. Denn steigende Informationsflut, wachsende Kundenerwartungen und neue Anforderungen an Nachhaltigkeit bringen klassische Arbeitsweisen längst an ihre Grenzen.
ronald@ivalu.eu
Wollen wir mit KI nur effizienter arbeiten – oder besser?
© Ivalu

Die eigentliche Frage ist nicht, ob künstliche Intelligenz Arbeit ersetzt, sondern ob sie den Dauer-Feuerwehrmodus in der Verwaltung durchbricht – oder ob wir nur Technologie einführen, ohne das eigentliche Problem zu lösen.

Wenn man sich die Immobilienverwaltung heute ansieht, erkennt man vor allem eines: Menschen, die unglaublich viel leisten – und trotzdem ständig das Gefühl haben, nicht hinterherzukommen. Gleichzeitig sieht man Unternehmen, die damit werben, ein KI-System zu haben – oft aber „um der KI willen“, ohne ein klares System dahinter, das das eigentliche Problem löst. Die Folge: Frustration bei den Mitarbeitenden, Qualitätsverluste und KI-Lösungen, die im Pilotstatus verharren oder nicht vollständig funktionieren.

Damit wird der KI oft Unrecht getan – sie wird eher zum Leidthema als zu einem echten Mehrwert.

KI sollte nicht als Beschleuniger der Arbeit verstanden werden, sondern als gezieltes Werkzeug zur Entlastung. Die eigentliche Herausforderung liegt dabei nicht in der Technologie selbst, sondern in der Frage, wie, wann und wofür wir sie einsetzen.

Wenn wir gewonnene Zeit unmittelbar wieder mit neuen Aufgaben füllen, entsteht kein Mehrwert – im Gegenteil - wir verstärken den bestehenden Druck. Aus einer Chance zur Entlastung wird so schnell ein zusätzlicher Treiber für Überforderung.

Deshalb müssen wir uns als Branche eine ehrliche und grundlegende Frage stellen:

Wollen wir mit KI nur effizienter arbeiten – oder wirklich besser?

Ob KI zu spürbarer Entlastung führt oder zu noch mehr Stress, ist keine technologische Frage – sondern eine Frage von Führung und Kultur. Es braucht einen klaren Rahmen, klare Zielbilder und vor allem eine bewusste Haltung im Umgang mit Technologie. KI darf nicht dazu eingesetzt werden, Prozesse lediglich zu beschleunigen, um noch mehr Arbeit auf Mitarbeitende zu verlagern oder Ressourcen zu reduzieren. Ihr eigentlicher Zweck sollte darin liegen, Freiräume zu schaffen – für Qualität, für bessere Entscheidungen und für eine Arbeitsweise, die wieder nachhaltig und sinnvoll ist.

Die Immobilienverwaltung hat das Potenzial, wieder ein Beruf zu sein, der erfüllt – fachlich, menschlich und in seiner Wirkung. Genau deshalb reicht es nicht aus, KI einfach einzuführen, „damit man KI hat“.

Zudem ist KI kein Zauberstab – sie wirkt wie ein Verstärker. Haben wir eine solide Grundbasis, werden wir effizienter. Haben wir Chaos, verstärken wir genau dieses. 

Deshalb beginnt alles mit einer ehrlichen Analyse des Ist-Zustands:Wo stehen wir heute und wo liegt der größte Hebel? Wo sind Brüche im Prozess? Und sind unsere Abläufe überhaupt bereit für den Einsatz von KI?

Wo liegt der größte Hebel? Wo kann echte Entlastung entstehen?

Oft wird KI in bestehende Abläufe „hineingebaut“, ohne zu berücksichtigen, dass davor zahlreiche manuelle Schritte, Systembrüche und Schnittstellen bestehen. Das führt in vielen Fällen zu keiner echten Entlastung.

Ein Beispiel aus der Praxis: In einem Unternehmen wurde der Bestell- und Rechnungsprozess mittels KI unterstützt – auf Führungsebene ein vermeintlicher Erfolg. In der Praxis berichten Mitarbeitende jedoch, dass zwar einzelne (geringfügige) Schritte automatisiert wurden, davor aber weiterhin zahlreiche manuelle Tätigkeiten und Systembrüche notwendig sind, bevor die Daten überhaupt so vorliegen, dass die KI greifen kann.

Das Ergebnis: kaum spürbare Entlastung – dafür zunehmende Frustration.Und eine Technologie, die eigentlich unterstützen soll, gerät in Verruf, obwohl nicht die KI das Problem ist, sondern der Prozess, in den sie eingebettet wurde.

Eine vorgelagerte Schwachstellenanalyse hätte hier ein klares Bild gezeigt: Der Bestell- und Rechnungsprozess ist ein klassisches Massengeschäft in der Verwaltung und muss daher ganzheitlich – vom Eingang bis zur Verarbeitung – betrachtet werden.

Im konkreten Fall wird eine Rechnung beispielsweise per E-Mail als PDF vom Lieferanten übermittelt. Diese durchläuft anschließend mehrere Fachbereiche, bevor sie überhaupt beim Verwalter im Laufwerk ankommt. Erst dort wird sie manuell ins ERP-System eingespielt – und erst dann kann die KI überhaupt ansetzen, etwa zur automatischen Erfassung von Rechnungsdaten.

Die eigentliche Schwachstelle liegt somit nicht in der Datenverarbeitung selbst, sondern in der Zeitspanne bis zur systemseitigen Erfassung. Lange Durchlaufzeiten führen zu Verzögerungen, erhöhen das Risiko von Mahnungen und können sogar zu Skontoverlusten führen.

Die naheliegende Lösung wäre daher nicht, punktuell KI einzusetzen, sondern zunächst die Schnittstellen und Medienbrüche im Prozess zu reduzieren. Ziel muss es sein, dass Rechnungen möglichst direkt und strukturiert ins System gelangen – erst dann kann KI ihre Wirkung entfalten und tatsächlich entlasten. Dieses Beispiel steht stellvertretend für viele ähnliche Fälle und soll verdeutlichen, wo die eigentlichen Herausforderungen im Einsatz von KI liegen (siehe Abbildung 1).

Damit entscheidet nicht die Technologie über den Erfolg – sondern ob wir als Führung den Mut haben, unsere Schwachstellen offen zu erkennen und KI dort einzusetzen, wo sie wirklich entlastet. Die Zukunft der Immobilienverwaltung entscheidet sich daher nicht daran, ob wir KI einsetzen, sondern wie bewusst wir es tun (siehe Abbildung 2)

Wir haben die Chance, Arbeit neu zu denken – strukturierter, klarer und vor allem menschlicher. Überlastung zu reduzieren ist dabei kein „Nice-to-have“, sondern eine zentrale Voraussetzung, um eine Branche zu gestalten, in der Menschen nicht nur funktionieren, sondern wieder gerne arbeiten.

KI ist nicht die Lösung für alles. Aber sie ist eine große Chance – wenn wir sie richtig einsetzen: nicht, um noch mehr Leistung zu erzeugen, sondern um Raum zu schaffen – für Qualität, für gute Entscheidungen und für echte Wertschöpfung (Abbildung 3).

Denn am Ende geht es nicht nur um Prozesse oder Effizienz.Es geht um Menschen. Denn Arbeitszeit ist Lebenszeit. Und genau deshalb sollten wir alles daransetzen, diese Zeit sinnvoll, wirksam und mit Qualität zu gestalten.

Als Führungskraft sehe ich es als meine Verantwortung, genau diesen Rahmen zu schaffen – damit Technologie nicht Druck erhöht, sondern Menschen stärkt und ihnen wieder ermöglicht, ihre Arbeit mit Anspruch und Freude zu erfüllen.

Weiterführende fachliche Grundlagen sowie praxisorientierte Anwendungsbeispiele sind in meinem Buch „Künstliche Intelligenz in der Immobilienverwaltung“ dargestellt (Abbildung 4).

Link: KI in der Immobilienverwaltung | Buch 978-3-214-26082-8